Andacht September 2021

Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt's in einen löchrigen Beutel.


Haggai 1, 6

Die Sisyphusarbeit ist eine „sinnlose, vergebliche Anstrengung; schwere, nie ans Ziel führende Arbeit“ (Duden). Sie hat ihren Namen von Sisyphos, dem antiken König von Korinth, der die Götter so geärgert hat, dass sie ihn zur Strafe im Jenseits einen großen Stein einen Berg hinauf rollen ließen, wobei der Stein jedes Mal kurz vor Erreichen des Gipfels wieder herunterrollte: Sisyphos musste erneut den Stein hoch rollen und wurde so zum Sinnbild des Menschen, der von allem Mühen und Plagen nichts übrig behält. Er wird für den französischen Philosophen und Schriftsteller Albert Camus zum Prototypen des modernen Menschen.

So wie Sisyphos erging es auch den aus Babylon heimgekehrten Juden im Jerusalem des 6. Jahrhunderts. Sie plagten sich von morgens bis abends, ihre Häuser wiederaufzubauen und die Wirtschaft in Gang zu setzen. Aber es wollte nicht so recht gelingen. Das Buch Esra in der Bibel berichtet ausführlich davon.

Durch den Propheten Haggai lässt ihnen der himmlische Vater ausrichten, wo die Ursache zu suchen ist: „Nun, so spricht der HERR Zebaoth: Achtet doch darauf, wie es euch geht: Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt's in einen löchrigen Beutel“, der Monatsspruch. Und weiter: „Warum das? spricht der HERR Zebaoth. Weil mein Haus so wüst dasteht; ihr aber eilt, ein jeder für sein Haus zu sorgen.“ (Haggai 1, 9). Der erbärmliche Zustand des Tempels ist der Beweis dafür, dass die Juden ohne sich um den himmlischen Vater zu scheren ihr Leben nach eigenem Ermessen gestalteten. Sie fragen nicht bei Gott an, wenn sie eine Entscheidung zu treffen haben; sie interessiert nicht der Rat des himmlischen Vaters. Der hatte in ihrem Leben keinen Platz. Der Tempel war das äußerliche Zeichen für diese Missachtung des ersten Gebotes, denn der stand noch als Ruine da. Keineswegs war der Tempel eines Gottes würdig. Deshalb: „Geht hin auf das Gebirge und holt Holz und baut das Haus! Und ich will Wohlgefallen daran haben und will meine Herrlichkeit erweisen, spricht der HERR“ (Haggai 1, 8).

Geht es uns nicht ähnlich? Wie aber holt man denn den Rat Gottes ein zu konkreten Plänen und Problemen? Wie hat Jesus denn das gemacht? Jesus hat die Stille und die Einsamkeit gebraucht und benutzt, um sich mit seinem himmlischen Vater abzustimmen und dessen Rat einzuholen, vgl. z.B. Matthäus 14, 23 oder Markus 1, 35. So sollen auch wir in unser „stilles Kämmerlein“ (Matthäus 6, 6) gehen, die Tür zuschließen und im Verborgenen zum Vater beten. Denn das Gebet ist der Weg, um mit dem, himmlischen Vater zu reden.

Wie so ein Gebet aussehen kann, erfahren wir auch: die Evangelisten berichten uns von einem besonders bedeutungsschweren Gebet Jesu im Garten Gethsemane. Der entscheidende Satz ist die Bitte Jesu: „... doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“ (Matthäus 26, 39b, ebenso Markus 14, 36). Denn der himmlische Vater hat den besseren Überblick, vor allem weiß er, wie die Zukunft aussieht. Wenn er unsere Pläne verwirft, dann sollten wir es dabei belassen. Uns entgeht dadurch nichts. Denn wir wissen, Jesus selbst versichert es uns:
„Denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin“ (Johannes 16, 27).

Ulrich Lorenz, Berlin