Andacht Mai 2021

Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen!


Sprüche 31, 8

Das Buch der „Sprüche Salomos“ enthält Beobachtungen aus dem täglichen Leben, es geht um das weise und verständige Herz, um das z. B. der König Salomo 1. Könige 3, 9 bittet. Die Sprüche sind wie aufgefädelte Perlen. Jeden kann man einzeln ansehen, darüber nachdenken. Oft stehen sie ohne Zusammenhang nebeneinander als einfache Aussage einer Beobachtung, einer Erkenntnis, als Gegensatzpaar oder als Warnung und Mahnung.

In den Sprüchen wird wenig von Gott gesprochen und viel vom Verhältnis der Menschen zueinander. Einen großen Raum nehmen die Frommen und die Frevler ein. Der Preis der Weisheit bleibt aber immer verbunden, eingebettet in das Lob, in die Ehrfurcht vor dem Herrn, der alles gestaltet und alle Rätsel der Welt übersieht.

Im letzten Kapitel zitiert ein regierender König Worte seiner Mutter an ihren Sohn: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind“ (Sprüche 31, 8; Luther 2017). Oder wie es unser Monatsspruch formuliert: „Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen!“ (a.a.O.; Einheitsübersetzung). Sich für die Behinderten und Schwachen einzusetzen, ist eines der wesentlichen Kennzeichen eines Lebens im Gehorsam dem himmlischen Vater gegenüber, der uns aufgegeben hat, uns liebevoll um unseren Nächsten zu kümmern (vgl. 3. Mose 19,18). Jesus gibt uns im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25ff) ein anschauliches Beispiel dafür.

„Tu deinen Mund auf" bedeutet dann: hinhören, hinsehen, nicht weghören, nicht wegsehen; es bedeutet Zeit und Geduld haben, sich einsetzen und seinen Mund auftun, um die Interessen der Benachteiligten, Verletzten, Hoffnungslosen zu vertreten. Es bedeutet auch, sich vor Gericht für ihre Rechte einzusetzen oder ihnen einen Arzt zu suchen, der sie behandeln will. Das sollte eigentlich jeder leisten können, der sein Leben in der Nachfolge Jesu Christi gestalten will. Wo etwas in Not ist, da ist der Nächste.

Aber Jesus selbst hat noch mehr getan. Ganz nach der Prophezeiung des Jesaja „dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten“ (Jesaja 53, 12) hat er sich geopfert für alle Menschen, auch die Gott leugnen oder missachten, um ihnen Gelegenheit zu geben, in Gott den liebevollen himmlischen Vater zu sehen, der nichts Sehnlicher wünscht, als dass die Menschen endlich erkennen und akzeptieren, dass er, ihr Schöpfer, ihnen ein freundliches Gegenüber sein will. Ich stelle mir das manchmal so vor, dass Adam und Eva sich nicht mehr im Garten verstecken, wie es uns Mose erzählt (1. Mose 3, 8). Vielmehr plauschen sie in der Abendsonne mit dem himmlischen Vater über das Wetter, dass die Erdbeeren in diesem Jahr besonders gut waren, und was Nachbarn sich am Zaun eben so unterhalten.

Jesus liebte Bilder aus der Landwirtschaft. Und so hat er sich und unser Verhältnis zu ihm mit den Weinreben verglichen: „Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Johannes 15, 4f). Es kommt also für uns darauf an, einen engen Kontakt zu Jesus zu halten, bei allen Entscheidungen in unserem Leben zunächst seine Meinung, seinen Rat einzuholen.

Das müssen wir üben, aber es lohnt sich.

Ulrich Lorenz, Berlin