Andacht Juni 2021

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.


Apostelgeschichte 5, 29

Gehorchen heißt, den eigenen Willen dem Willen eines Anderen unterzuordnen. Das ist nicht mehr in, ist unmodern, ist ein „trauriger Rest“ aus einer vergangenen Zeit, sagt man. Bei dem Wort „Gehorsam“ schwinge das Wort „Autorität“ mit, und das sei gleichbedeutend mit Willkür und Prügelstrafe. Seit der Zeit der „antiautoritären Erziehung“ sei der Mensch frei, Herr seines Willens. Man nannte diese pädagogische Verirrung auch eine „Erziehung zum Ungehorsam“. Bei dieser Erziehungsmethode brauchten die Kinder niemandem zu gehorchen; sie entschieden selbständig, was sie wann machen wollten und ob überhaupt.

Doch sind dies alles keine „Errungenschaften“, die der Menschheit dienen, sondern sind Ausfluss der Überheblichkeit, zu der der Satan, die alte Schlange (vgl. 1. Mose 3), die Menschen verführen will („ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“, 1. Mose 3, 5). Inzwischen ist der Mensch soweit, dass er sich die Entscheidung anmaßt, welches gottgewollte Baby zur Welt kommen darf. Demnächst ist auch der Zeitpunkt des Sterbens in das menschliche Ermessen gestellt. „Am Ende gibt es nur zwei Arten von Menschen: die, die zu Gott sagen: ‚Dein Wille geschehe‘, und die, zu denen Gott sagt: ‚Dein Wille geschehe‘. Alle, die in der Hölle sind, erwählen sie selbst“ (C. S. Lewis).

Dabei ist es ja nicht so, dass wir Menschen so erfolgreich sind bei der Bewältigung der anstehenden Probleme. Jede Lösung, die der menschliche Wille zustande bringt, ist lediglich ein Kompromiss zwischen Vorteilen und Nachteilen. Denken wir nur an die gegenwärtige Pandemie: sie wird durch die angeordneten Kontaktbeschränkungen eingedämmt, aber um welchen Preis, vor allem für die Schwächsten der Gesellschaft, die Senioren und die Kinder. Wir Menschen haben eben nicht die unendliche Macht und auch nicht das unbegrenzte Wissen, nicht den nötigen Durchblick, um mit unserer Lösung zugleich auch alle Nebenwirkungen zu vermeiden. Ganz anders der himmlische Vater. Was er ordnet und gestaltet ist vollkommen und ohne Nebenwirkungen. Die Schöpfung ist der eindrücklichste Beweis.

Können wir Gott überhaupt gehorchen? „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“ (Matthäus 6, 10) beten wir. Aber wir selbst können Gottes Willen aus eigener Kraft nicht erfüllen. Wir können seinen Geboten nicht gehorchen. Einzelne der Zehn Gebote lassen sich von uns halten, aber eben nicht alle, schon gar nicht, wenn wir unsere Gedanken einbeziehen (vgl. Matthäus 5, 27 ff). Und Jesus gibt uns sogar noch ein weiteres Gebot auf, dem zu entsprechen uns ebenfalls oft schwerfällt: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch liebe“ (Johannes 15,12). Können wir wirklich einander so lieben, wie Jesus uns geliebt hat, unvoreingenommen, mit allen unseren Macken und Eigenheiten? Und wenn der andere sogar bösartig uns begegnet, ihn dann noch lieben? Wohl kaum. Jesus aber liebt jeden und gibt ihm stets Gelegenheit umzukehren und Reue zu zeigen, auch uns. Auch wir haben Zeit unseres Lebens Gelegenheit, unser Verhältnis zum himmlischen Vater zu korrigieren und ihm die ihm gebührende Ehre zu erweisen.

Dazu gehört, dass man wenigstens versucht zu tun, was der himmlische Vater will. Wir nehmen im Gebet Kontakt zu ihm auf und fragen ihn nach seinem Rat. Dann werden auch wir mit dem Psalmbeter die Erfahrung machen: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet“ (Psalm 66, 20).

Ulrich Lorenz, Berlin